Celine Nadolny-Kolumne

Mein Blick auf die Finfluencer-Szene

Finfluencer: zwischen Reichweite, Renditeversprechen und Realität bewegt sich eine Szene, die stark polarisiert. Buchbloggerin und Unternehmerin Celine Nadolny gibt einen ehrlichen und persönlichen Einblick in eine Welt zwischen Bildungsauftrag und Geschäftsmodell.
Unternehmerin Celine Nadolny wagt in ihrem Gastbeitrag einen kritischen Blick auf die Finfluencer-Szene.
© Celine Nadolny
Unternehmerin Celine Nadolny wagt in ihrem Gastbeitrag einen kritischen Blick auf die Finfluencer-Szene.

Kaum ein Bereich hat in den vergangenen Jahren so polarisiert wie die Welt der Finfluencer.

  • Die einen feiern sie als moderne Aufklärer und digitale Hoffnungsträger für eine ganze Generation.
  • Die anderen verteufeln sie als Blender, Abzocker oder selbsternannte Experten ohne Substanz

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Und irgendwo dazwischen? Steht die Wahrheit – und ich. Als jemand, der sich selbst mitten in dieser Szene bewegt, sie kritisch beobachtet, aber auch mitgestaltet hat, möchte ich in diesem Artikel einen ehrlichen Einblick geben. Einen Blick hinter die Kulissen. Zwischen Idealismus und Inszenierung. Zwischen Aufklärung und Abzocke.

Wie alles begann – und was daraus wurde

Ich war nie auf der Mission, Finfluencerin zu werden. Ich habe Bücher geliebt, gelesen, gesammelt, verschlungen. Irgendwann habe ich angefangen, meine Gedanken zu teilen – erst nur vereinzelt, dann systematisch. Was folgte, war eine wachsende Community, Medienanfragen, Preise, Reichweite. Mit der Sichtbarkeit kamen aber auch Neid, Missgunst und der Versuch mancher, mich aus der Szene zu drängen. Zu „buchlastig“, zu weiblich, zu wenig „echt Finanz“.

Heute, Jahre später, trage ich den Titel „Finanzbloggerin“ mit Stolz – gerade weil er so vielen ein Dorn im Auge ist. Aber ich habe auch gelernt: Diese Szene ist kein Safe Space. Sie ist ein Marktplatz. Und auf diesem Marktplatz kämpfen Idealisten und Opportunisten Seite an Seite um Aufmerksamkeit, oft mit denselben Waffen.

Der Reiz der Bühne – und der Preis der Popularität

Social Media lebt von Reichweite. Und Reichweite lebt von Reizworten. „Finanzielle Freiheit“, „Crash kommt“, „Diese Aktie wird dich reich machen“, „5 ETFs für deine Altersvorsorge“. Das klingt gut. Das klickt. Das verkauft.

Was viele nicht sehen: Auch Finfluencer stehen unter einem konstanten Druck, performen zu müssen. Algorithmus, Engagement, Sichtbarkeit – wer nicht liefert, wird nicht mehr gesehen. Und wer nicht gesehen wird, verliert alles: Reichweite, Einfluss, oft sogar Einnahmen.

In diesem Spannungsfeld bewegen sich viele Creator auf einem schmalen Grat. Die einen bleiben standhaft, differenziert, transparent. Die anderen geben nach, bedienen nur noch das, was klickt – unabhängig von Wahrheitsgehalt oder Verantwortung. Das Problem ist: Von außen sieht man das oft nicht.

Lesen Sie auf Seite 2, was aus Celine Nadolnys Sicht den Erfolg von unseriösen Finfluencern am meisten begünstigt.

Warum die Guten nicht automatisch die Lautesten sind

Ein großes Problem in der Finfluencer-Szene ist, dass Qualität und Sichtbarkeit nicht zwangsläufig zusammenhängen.

Einige der lautesten Stimmen haben inhaltlich erschreckend wenig Substanz. Dafür aber glatte Videos, markige Sprüche und eine perfekte Inszenierung.

Ihre Expertise? Oft rein behauptet. Eine Vita, die man nicht nachprüfen kann, Börsenerfahrung aus dem Nichts, gepaart mit einer dramatischen Lebensgeschichte.

Und genau das funktioniert: Menschen klicken lieber auf „10.000 Euro mit Dividenden in 6 Monaten“ als auf differenzierte Analysen oder nüchterne Erklärungen zu Risikostreuung und Rebalancing. Dass man mit so etwas keine Reichweite macht, ist die traurige Wahrheit vieler seriöser Content Creator – und der Grund, warum so viele von ihnen irgendwann aufgeben.

Das eigentliche Problem: Der Zustand unserer Finanzbildung

Der Erfolg unseriöser Finfluencer liegt nicht in deren Brillanz – sondern in unserer kollektiven Unwissenheit. Wer nicht weiß, wie Kapitalmärkte funktionieren, welche Risiken Produkte mit sich bringen oder wie man einen Depotbericht liest, der hat keine Chance, zwischen Aufklärung und Abzocke zu unterscheiden. Der glaubt das, was glaubwürdig aussieht. Der verlässt sich auf sympathische Gesichter, hübsche Charts und große Versprechen.

Das ist kein individuelles Versagen – sondern ein systemisches. Unser Schulsystem ignoriert Finanzbildung weitgehend. Und auch im späteren Leben ist sie selten Bestandteil der Ausbildung oder des Alltags. Kein Wunder also, dass viele Menschen auf die erstbeste Quelle zurückgreifen, die ihnen verständlich und vertrauensvoll erscheint – selbst wenn sie inhaltlich wenig taugt.

Die Finfluencer-Szene als Spiegel der Branche

Was bei der ganzen Debatte häufig vergessen wird: Finfluencer sind kein Fremdkörper in der Finanzwelt. Sie sind ihr Spiegel. Wer also Finfluencer kritisiert, sollte nicht bei Instagram aufhören. Auch in Banken, Versicherungen und klassischen Beratungsgesprächen werden mitunter Provisionsmodelle optimiert statt Kundennutzen maximiert. Auch dort gibt es Blender, Scheinexperten und Gier.

Die Szene auf Social Media ist nur deshalb so groß geworden, weil sie eine Lücke füllt. Menschen wollen auf Augenhöhe lernen. Sie wollen nicht mit Fachchinesisch überschüttet oder von oben herab belehrt werden. Viele Finfluencer leisten dabei wertvolle Aufklärungsarbeit. Andere nutzen das Vertrauen schamlos aus. Doch das ist kein finfluencer-spezifisches Problem. Das ist ein Problem der gesamten Branche – und unserer Gesellschaft.

Lesen Sie auf der dritten Seite, warum die Finfluencer-Szene aus Celine Nadolnys Sicht wichtig bleibt und ihr persönliches Fazit.

Was wir jetzt brauchen

Es wäre zu einfach, alle Finfluencer über einen Kamm zu scheren. Wir brauchen eine differenzierte Debatte. Und vor allem: mehr Verantwortung auf allen Seiten.

  • Finfluencer müssen sich bewusst sein, dass sie Einfluss haben – und diesen nicht leichtfertig einsetzen dürfen. Transparenz, ehrliche Aussagen, eine saubere Trennung von Meinung und Fakten – das ist das Mindeste.
  • Verbraucher müssen sich weiterbilden. Nicht jeder muss Portfolio-Theorie studieren, aber ein grundlegendes Verständnis für Zinsen, Inflation, Diversifikation und Kostenstrukturen sollte vorhanden sein.
  • Medien und Politiker sollten aufhören, mit dem Finger auf Instagram und TikTok zu zeigen – und stattdessen ernsthaft über Finanzbildung nachdenken. In Schulen. In Volkshochschulen. In Online-Kursen, die keine 299 Euro kosten.
Mein persönliches Fazit

Ich liebe meine Arbeit. Ich liebe es, Menschen für Finanzthemen zu begeistern, ihnen Wissen zu vermitteln, sie zu empowern. Aber ich sehe auch die Schattenseiten.

  • Ich sehe Accounts, die mit Lügen Reichweite machen.
  • Ich sehe Kooperationen mit zweifelhaften Firmen.
  • Ich sehe, wie aus Aufklärung ein Geschäftsmodell wird – das sich nicht selten gegen die richtet, die es eigentlich schützen sollte.

Und trotzdem bin ich überzeugt: Die Szene ist wichtig. Sie ist notwendig.

  • Weil sie Menschen erreicht, die sonst nie mit Finanzen in Berührung gekommen wären.
  • Weil sie eine Brücke schlägt zwischen Theorie und Praxis.
  • Und weil sie zeigt: Jeder kann sich mit Finanzen beschäftigen – wenn man es richtig erklärt bekommt.

Aber wir müssen wachsam bleiben. Und vor allem ehrlich. Zu uns selbst, zu unseren Followern – und zu einer Branche, die sich oft lieber gegenseitig auf die Schulter klopft, als wirklich etwas zu verändern.

Über Celine Nadolny

Celine Nadolny zählt mit ihrem Unternehmen Book of Finance zu den bekanntesten Sachbuchkritikerinnen im deutschsprachigen Raum. Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten, gleichnamigen Blog vermittelt sie fundiertes Finanzwissen und analysiert hochwertige Wirtschaftsliteratur.

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Eine Antwort

  1. Danke Frau Nadolny,

    sehr bedeutende Beitrag .
    So ausführlich klug geschrieben

    In der Tat ein Geschäftsmodell nicht im Dienst des Menschen.
    Herzlichen Gruss
    Aus Belgien
    Nähe v Brüssel

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