Arbeitskraftabsicherung

Warum Multi-Risk-Versicherungen viel Potenzial bieten

Die Grundfähigkeitsversicherung sichert in der Multi-Risk-Variante so viele Leistungsauslöser ab, wie es sonst nur die Berufsunfähigkeitsversicherung vermag – der Blick auf ein unterschätztes Produkt, dem Experten prophezeien, sich breit zu etablieren.
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Ein Dachdecker bei der Arbeit: Handwerker sind für Makler eine wichtige Zielgruppe zur Absicherung von Grundfähigkeiten.

Max M. ist Parkettleger. Wegen Arthrose in beiden Kniegelenken ist der 35-Jährige eines Tages nicht mehr in der Lage, sich hinzuknien und sich anschließend wieder aufzurichten. Zu seinem Glück hat er eine Grundfähigkeitsversicherung abgeschlossen, für die er jeden Monat etwas mehr als 83 Euro zahlt. Dadurch erhält er eine monatliche Rente in Höhe von 1.800 Euro bis zum 65. Lebensjahr. Das Praxisbeispiel, über das die Zurich Versicherung berichtet, macht deutlich, dass es nicht immer eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) sein muss, um im Falle eines plötzlichen Wegfalls des Arbeitseinkommens finanziell abgesichert zu sein.

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„Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist sicherlich weiterhin der Königsweg“, räumt Michael Franke, Geschäftsführer des Analysehauses Franke und Bornberg, ein. Da die Anbieter allerdings entgegen aller Mahnungen die BU „immer weiter austrainieren“ und auf gute Risiken setzten, bleibe auch in Zukunft der Großteil der Kunden – so vor allem Handwerker – bei der Berufsunfähigkeitsversicherung außen vor, kritisiert Franke. Dass BU-Bedingungen heute so gut wie noch nie seien, habe eben auch seinen Preis: „Die große Spreizung des Beitrags je nach Beruf um 400 Prozent oder sogar noch mehr sowie eine strikte Risikoprüfung.“ Die Folge sei, so der Analyst, dass längst nicht jeder diesen wichtigen Vertrag bekomme und auch bezahlen könne. Deshalb bieten die meisten Makler ihren Mandanten Ausweichprodukte an, wie eine Umfrage von Franke und Bornberg aus dem vergangenen Jahr zeigt: 92 Prozent der Teilnehmer haben demnach bereits auf die sogenannten BU-Alternativen verwiesen, nur 8 Prozent taten dies bislang nicht.

Welche Optionen haben die Betroffenen mit weniger guten Risiken nun konkret? Die Versicherer bieten zur Absicherung des Arbeitskraftverlustes „im Grunde drei Lösungswege an“, skizziert Franke. Neben der BU sei dies beispielsweise die Erwerbsunfähigkeitsversicherung (EU). Die EU wäre aus Sicht des Analysehauses eigentlich eine gute Alternative, da sie analog zur BU alle Leistungsauslöser abdecke. Zudem sei das Produkt nah am gesetzlichen Schutz ausgerichtet. Doch die EU geht mit einer schweren Hypothek in den Wettbewerb. Die Police führe nur „ein Schattendasein“, so Franke, weil sie viele Jahre von der Branche zugunsten der BU „schlechtgeredet und damit quasi verbrannt“ worden sei.

Keine „Gestaltungskunststückchen“

Als Alternative zur BU bleibe dann noch die Grundfähigkeitsversicherung, sei es in Form einer Funktionalitätsversicherung (FIV), einer Multi-Risk-Police – oder in Reinform, wie es auch bei Zurich-Kunde Max M. der Fall ist. „Der Ansatz, sich nicht am konkreten Beruf, sondern am Verlust bestimmter, überwiegend körperlicher Fähigkeiten zu orientieren, ist durchaus zielführend“, findet Franke. Die Police sei vermittelbar für einen Personenkreis, dem es in erster Linie auf die Absicherung der Arbeitsfähigkeit an sich ankomme. Und mehr noch: Das Produkt habe das Potenzial, sich „breit zu etablieren“, so der Franke-und-Bornberg-Chef, der zugleich die Branche ermahnt: „Dem Erfolg im Wege stehen werden die Versicherer in erster Linie selbst, wenn weiterhin hektisch immer neue Features eingebaut und somit Vermittler verunsichert werden“, sagt der Experte. „Für den Erfolg des Produkts ist es wesentlich, zunächst der Etablierung mehr Gewicht zu geben als kreativen Gestaltungskunststückchen.“

Immerhin sind viele Makler gewillt, bei der Etablierung des Produkts mitzuwirken. 45 bis 68 Prozent von ihnen betrachten die Multi-Risk- beziehungsweise Grundfähigkeitsversicherung als Favorit unter den vermeintlichen BU-Alternativen, wie eine Umfrage von Franke und Bornberg zeigt.

Mittlerweile bieten mindestens zwölf Versicherer Leistungen bei Verlust von Grundfähigkeiten an – mal als Grundfähigkeitsversicherung, mal als erweiterte Plus-Variante, die beispielsweise auch schwere Erkrankungen absichert. Die Tarife sind häufig modular aufgebaut.

Akzeptanz stetig vergrößert

Zu einem Anbieter der ersten Stunde gehört der Volkswohl Bund. Die Dortmunder setzen seit 2014 auf „Existenz“. Das Produkt sei am Markt „top positioniert“, freut sich Robert Dickner, ­Leiter der Abteilung Produktmanagement Leben beim Volkswohl Bund. „Bei der Einführung gehörten wir zu den ersten Anbietern einer Grundfähigkeitsversicherung.“ Mit der Zeit habe sich sowohl die Zahl der Anbieter als auch die Akzeptanz bei den Vertriebspartnern stetig vergrößert, schildert der Produktmanager. Zu Ende September habe man jetzt noch mal nachgelegt und das Produkt „mit weiteren interessanten Merkmalen ausgestattet“, so Dickner. Insgesamt versichert „Existenz“ jetzt 17 Fähigkeiten.

Hinzugekommen sind „Heben und Tragen“, „Fingerfertigkeit und Geschicklichkeit“ sowie „Schreiben“. Mit dem neuen Baustein Psyche Plus gibt es die vereinbarte Rente zudem, wenn der Kunde für mindestens zwölf Monate an einer schweren Depression oder an Schizophrenie erkrankt. Außerdem können nun beispielsweise auch Kinder im Grundschulalter versichert werden und bei Neuverträgen besteht die Option auf eine Umwandlung in einen BU-Vertrag. Obendrein bietet der Volkswohl Bund „Existenz“ auch als Direktversicherung an.

Amar Banerjee, Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter der Versicherungsproduktion von Swiss Life Deutschland, beobachtet ebenfalls „rege Produktaktivitäten am Markt“. Man sehe einen Trend, dass sich die Grundfähigkeitsversicherung zunehmend als zweites Standbein neben der BU etabliere.

Vor- und Nachteile klar benennen

Als große Stärke des Produkts wertet Banerjee, dass sich der Deckungsumfang zunehmend sehr individuell zuschneiden lasse: Swiss Life selbst bietet ihre Grundfähigkeitsversicherung in drei unterschiedlichen Varianten an, die sich durch den Umfang des Versicherungsschutzes bei psychischen Erkrankungen unterscheiden. „Bei Kunden mit entsprechenden Vorerkrankungen kann so gezielt eine Deckung angeboten werden, die einen Versicherungsschutz ermöglicht“, erklärt Banerjee.

Die Vermittler, die sich jetzt mit den breitgefächerten Einsatzgebieten dieser Art von Absicherung beschäftigen, würden in Zukunft für noch mehr Kunden finanzielle Risiken minimieren können, ist der Manager überzeugt. Zugleich hat er die Sorge, dass Grundfähigkeitspolicen nach wie vor unterschätzt würden.

Franke-und-Bornberg-Chef Franke ist da etwas vorsichtiger. Zwar passe eine Grundfähigkeitsversicherung gut zur Zielgruppe der handwerklich Tätigen. Der Preisunterschied zur BU mache aber auch deutlich, dass die Versicherer nicht damit rechneten, dass in jedem Leistungsfall, der Berufsunfähigkeit auslösen würde, auch eine Grundunfähigkeit gegeben sei. Vor- und Nachteile einer Grundfähigkeitsversicherung sollten daher in einem Beratungsgespräch klar benannt werden, betont Franke – zumal die Anbieter auf Komplexität setzten. Statt einheitlicher Standarddefinitionen formuliere jeder seine eigen­en Leistungsauslöser – und das offenbar nach der Devise: je mehr, desto besser. Denn: Leistungsauslöser geben Michael Franke zufolge „eine gute Story ab“ – selbst, wenn diese etwas merkwürdig anmuten, wie: nicht mehr am öffentlichen Nahverkehr teilnehmen können. Sei‘s drum: Die drei bereits genannten brandneuen Leistungsauslöser des Volkswohl Bunds scheinen Frankes „Gute-PR“-These zu bestätigen.

Autor

Lorenz

Klein

Lorenz Klein gehörte dem Pfefferminzia-Team seit 2016 an, seit 2019 war er stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Im Oktober 2023 hat Klein das Unternehmen verlassen, um sich neuen Aufgaben in der Versicherungsbranche zu widmen.

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2 Antworten

  1. Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung wäre also aus Sicht des Analysehauses Franke und Bornberg eigentlich eine gute Alternative zur Arbeitskraftabsicherung, da sie analog zur Berufsunfähigkeitsversicherung alle Leistungsauslöser abdeckt. Nur weil sie in der Vergangenheit „schlechtgeredet und damit quasi verbrannt“ worden sei, redet das Analysehaus nun Grundfähigkeits- und Multi-Risk-Versicherungen schön, obwohl diese ihre Leistungen völlig unabhängig von der (Rest-)Arbeitskraft erbringen bzw. verweigern.

    Soll das der Weg zu einer bedarfsgerechten Kundenberatung sein?

    1. Hallo Gerd, bin bereits seit Jahren absolut deiner Meinung. EU Produkte liegen auch bei uns wie Blei in den Regalen. Trotz 100% Absicherung der Psyche.

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