Wenn die Prognose des Capgemini Research Institute stimmt, haben die Lebensversicherer noch einiges an Arbeit vor sich. Denn laut dem neuen „World Life Insurance Report 2023“ stehen sie vor einem enormen Wandel, auf den sie nur schlecht vorbereitet sind. Nicht weniger als der größte generationenübergreifende Vermögenstransfer der Geschichte startet demnächst. Sprich: Erben und Schenken von (Groß-)Eltern auf Nachkommen kommen schwer in Mode. Der Report spiegelt Ansichten von über 200 Versicherungsmanagern und 6.775 Versicherungskunden wider.
Die Ausgangslage: Derzeit besitzen über 65 Jahre alte Versicherungsnehmer 40 Prozent des verwalteten Vermögens sämtlicher Versicherer. Allein bei den 40 größten Lebensversicherern beläuft sich das weltweit auf 7,8 Billionen US-Dollar. Laut Studie geht diese Summe bis 2040 auf Begünstigte über. 5,5 Billionen Dollar davon gehen an mindestens 50-Jährige oder Ältere.
Das Problem dabei: 60 Prozent der Personen über 65 Jahren haben sich noch nicht professionell beraten lassen, um sich auf den Ruhestand vorzubereiten oder ihr Vermögen vernünftig zu übertragen.
Und was benötigen Kunden hauptsächlich in ihrem Ruhestand? Hier sind die Top 4 der Bedürfnisse:
- 74 Prozent – Lebensstandard halten
- 56 Prozent – Reisen und Freizeitaktivitäten finanzieren
- 47 Prozent – Ausgaben für Gesundheit decken
- 41 Prozent – Vermögensübertrag auf nachfolgende Generationen regeln
Obwohl das aktuelle Umfeld (gesetzliche Rente mit Geldproblemen, steigende Preise) private Vorsorge notwendiger macht, finden die Verbraucher nicht, dass die Lebensversicherer die passenden Produkte anbieten. Die Versicherungsnehmer nennen zusätzlich die Komplexität der LV-Angebote und den geringen Bekanntheitsgrad (39 Prozent) als größte Hindernisse, gefolgt von mangelndem Vertrauen (29 Prozent).
„Neuen Bedürfnissen gerecht werden“
„Um den Versicherungsnehmern zu helfen, gut zu altern, müssen die Versicherer einen Weg finden, ihren neuen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dafür müssen sie durch innovative Vorsorgeprodukte ein personalisiertes, maßgeschneidertes und vertrauensstiftendes Erlebnis schaffen“, empfiehlt Alexander Pusch, Analyst bei Capgemini.
Mehr als 44 Prozent der über 50-jährigen wohlhabenden und reichen Kunden erwarten, dass ihre Versicherer solche Dienstleistungen anbieten, die von Wellness-Initiativen bis hin zum betreuten Wohnen reichen. Deshalb hat Pusch einen Tipp: Lebensversicherer sollten mit Unternehmen zusammenarbeiten, die hauptsächlich Senioren betreuen. Auf diese Art könnten sie „Lücken bei Kompetenzen in Kernbereichen“ schließen und passende Dienstleistungen mit Mehrwert entwickeln.
Wellness und medizinische Hilfe gewünscht
„Die Versicherer, die frühzeitig ihr Geschäftsmodell adaptieren und ihre jetzigen und zukünftigen Kunden gezielt ansprechen, schaffen Vertrauen und schützen ihr Vermögen“, sagt Pusch.
Seite 2: Was Kunden von Lebensversicherern erwarten
Hier sind vier Dinge, die die Befragten von Versicherern erwarten (und in Klammern der Prozentsatz der Versicherer, die darauf vorbereitet sind):
- 76 Prozent – Wellness-Angebote, die die Lebensqualität der Älteren heben, und Beratung von Familien und Begünstigten (62 Prozent)
- 75 Prozent – medizinische Hilfe und Online-Konsultation (59 Prozent)
- 63 Prozent – Besteuerungs- und Nachlassplanung, auch rechtzeitig zusammen mit den Begünstigten (31 Prozent)
- 62 Prozent – betreutes Wohnen, damit Ältere ihre Lebensqualität behalten und zugleich die Familien entlastet werden (34 Prozent)
Die Schere zwischen Wünschen und konkreten Fähigkeiten ist sichtlich groß. Um die Probleme zu lösen und die Zukunft zu meistern, können Versicherer zunächst Daten verarbeiten, abgleichen und zusammenführen. So erhalten sie eine einheitliche Sicht auf den Kunden, und ihre Mitarbeiter können dann mithilfe Künstlicher Intelligenz genau zugeschnittene („hyperpersonalisierte“) Beratung anbieten.
Allerdings verfügen nur 21 Prozent der Versicherer über die Werkzeuge für moderne Datenanalysefunktionen, bemängelt man bei Capgemini. Und noch weniger (19 Prozent) nutzten moderne Technologien, um Abläufe zu rationalisieren, Erfahrungen zu bereichern, sich in neu entstehende Ökosysteme zu integrieren und schnellere, datengesteuerte Entscheidungen zu treffen, heißt es weiter.
Die komplette Studie finden Sie hier.
Über die Studie
Der „World Life Insurance Report 2023“ stützt sich auf Daten aus der „2023 Global Insurance Voice of the Customer Survey“ und den „2023 Global Insurance Executive Interviews“. Beide Quellen decken 23 Märkte ab: Australien, Belgien, Brasilien, Kanada, China, Frankreich, Deutschland, Hongkong, Indien, Italien, Japan, Malaysia, Mexiko, Niederlande, Norwegen, Portugal, Singapur, Spanien, Schweden, Schweiz, Vereinigte Arabische Emirate, Vereinigtes Königreich und Vereinigte Staaten.