Interview

„Wir unterschätzen vor allem in jungen Jahren die Kraft des Zinseszinses“

Finanzbloggerin Celine Nadolny ist leidenschaftliche Sachbuch-Leserin und hilft Menschen dabei, sich unter anderem in Finanzthemen weiterzuentwickeln. Wir sprachen mit ihr über die Rentenlücke von Frauen, gute Finanzbücher und wie optimale Finanzbildung aussehen sollte.
© Celine Nadolny
Celine Nadolny ist Finanzbloggerin, Wirtschaftsstudentin und Sachbuchkritikerin.

Pfefferminzia: Frau Nadolny, wer Ihnen etwa auf Linkedin folgt, weiß: Sie lesen viel, sehr viel. Und zwar vor allem Sachbücher – über 700 an der Zahl bisher. In wie vielen Büchern haben Sie etwas über den Gender Pension Gap entdeckt?

Celine Nadolny: Aus dem Bauch heraus würde ich behaupten in maximal 20 Werken. Das waren dann aber auch explizit Finanzbücher für Frauen, die damit nochmals die Dringlichkeit unterstreichen wollten, dass wir aktiv werden müssen, um im Alter nicht vor höheren Hürden zu stehen als wir aus eigener Kraft bewältigen könnten. Ich würde behaupten, in weit über 90 Prozent der Finanzbücher männlicher Autoren kommt nichts in dieser Richtung vor und wird nur allgemein über das Risiko der Altersarmut gesprochen.

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Sind die Finanzbücher, die Sie gelesen haben, für Menschen mit wenig Finanzaffinität zugänglich und verständlich?

Nadolny: Typische Akademiker-Antwort – es kommt darauf an. Finanzbuch ist nicht gleich Finanzbuch – und jedes hat selbstverständlich seine ganz eigene Zielgruppe. Demnach gibt es eine ganze Reihe von Finanzbüchern, die sich ideal für Einsteiger eignen. Manche können selbst von Kindern oder Jugendlichen ohne Probleme verstanden und umgesetzt werden und wieder andere sollte man besser nicht als erstes Werk in die Hand nehmen, um der Thematik nicht abgeschreckt für Jahrzehnte den Rücken zu kehren.

Verständliche Finanzbücher gibt es aber bereits seit Jahrzehnten und es kommen jedes Jahr unzählige dazu. Selbst Menschen mit fehlender Finanzaffinität wird ein gutes Finanzbuch sicherlich recht schnell zu verstehen geben, dass wir uns alle irgendwann mit unseren Finanzen beschäftigen müssen, ob wir wollen oder nicht. Je länger wir es aufschieben, desto unschöner kommt es auf uns zurück.

Mit TikTok und „Snackable Content“ drohen Bücherwurm und Leseratte zu verschwinden. Müssen Finanzthemen nun in 90-Sekunden-Videos passen?

Nadolny: Es kommt schlichtweg darauf an, wen man mit dem Content erreichen möchte. Die allermeisten Sachverhalte kann man einfach nicht in 90 Sekunden wiedergeben, aber man kann sie definitiv in Portionen zerteilen, die dann wiederum in 90 Sekunden passen würden. Ich persönlich bin da aber sicherlich auch die falsche Zielgruppe, denn diese ganze gesellschaftliche Strömung der Zusammenfassungen, Vereinfachungen und so weiter ist nicht meine Welt. Ein wirklich gutes Buch wurde nicht dafür geschrieben, um in 90 Sekunden oder auf wenigen Seiten in Form von Kernaussagen wiedergegeben zu werden.

Jede Komprimierung hinterlässt Sägespäne, dessen sollten wir uns bewusst sein. Nun stellen sich für mich darauf zwei Fragen: Wer hat entschieden, was zurückgelassen wurde und warum? Und war nicht vielleicht genau der Teil, der nun fehlt, enorm wichtig? Ich habe schon unzählige Male erlebt, dass es vor allem die Geschichten drumherum waren, die in guten Büchern die Inhalte verständlicher gemacht haben.

Wie müsste Finanzbildung in Deutschland angeboten werden, damit jeder sie versteht?

Nadolny: Zunächst einmal müsste Finanzbildung unabhängig angeboten werden. Das betone ich an erster Stelle so deutlich, weil es heute bereits an unzähligen Stellen faktisch nicht der Fall ist, und das empfinde ich als beunruhigend. Wenn Finanzdienstleister kostenlose Steuerseminare geben, Bank- und Versicherungsvertreter in Schulen Vorträge halten und Strukturvertriebe ganze Lehrstühle und Projektwochen finanziell fördern, dann hat das sicherlich nichts mit Unabhängigkeit zu tun.

Darüber hinaus gilt es noch ein zweites Kriterium direkt zu Beginn zu erfüllen: Finanzbildung braucht ein wissenschaftliches Fundament! Wenn ich mich so umschaue, würde allein das knapp 80 Prozent des Finanzcontents in den sozialen Medien ausknipsen. Fast jeder Finanzkanal, fast jeder Podcast, jedes Magazin und jeder Youtube-Kanal beruht auf einem für mich grundlegend falschen Ansatz: Es gibt kein richtig oder falsch, wir möchten alle Ansätze hören.

Das mag auf viele Lebensbereiche sicherlich zutreffen, aber in weiten Teilen nicht auf die Finanzwelt. Es ist absolut verrückt, gar absurd, wie selbst vermeintliche Leitmedien wissenschaftliche Erkenntnisse mit Füßen treten und stattdessen Meinungen, persönliche Präferenzen und Emotionen in den Vordergrund rücken. Dabei wissen wir aus der Wissenschaft ziemlich deutlich, dass Emotionen am Kapitalmarkt nichts zu suchen haben und mitunter zu grauenhaften Ergebnissen führen können.

Wenn diese beiden Kriterien erfüllt sind, dann gilt es Finanzen am besten schon für die Kleinsten unter uns greifbar zu machen. Mein Traum wäre es, wenn selbst im Kindergarten schon spielerisch der Umgang mit Geld vermittelt würde, in der Grundschule das Fundament unseres Wirtschaftens verinnerlicht und in den weiterführenden Schulen daraus eine solide Finanzbildung reifen könnte, die unsere Kinder davor schützt, zum Opfer der Finanzindustrie zu werden.

Denn das ist leider die Konsequenz, wenn wir dem Nachwuchs nicht vermitteln, wie man sein Geld anlegen kann, welche Versicherungen relevant sind und wovon man lieber die Finger lassen sollte.

Ist Ihnen selbst schon das Thema Gender Pension Gap begegnet?

Nadolny: Selbstverständlich und ich finde es offen gestanden erschreckend, wie wenig in diesem Punkt politisch unternommen wird, um die Rolle der Menschen, die unbezahlte Care-Work übernehmen, zu stärken. Es betrifft zwar grundsätzlich nicht nur, aber eben im Wesentlichen Frauen, die in Mutterschutz und Elternzeit gehen, im Job kürzertreten, die Karriere komplett an den Nagel hängen und sich im Alter dann auch noch um die pflegebedürftigen Eltern kümmern.

Dass all das negativen Einfluss auf die zu erwartende Rente haben wird, ist offensichtlich. Natürlich könnte man nun auf Familienebene mit Ausgleichszahlungen versuchen dem entgegenzuwirken, viel einfacher wäre es aber – insbesondere in Situationen der Abhängigkeit und des Streits –, wenn das gesetzlich geregelt wäre.

Aus meinem direkten Umfeld weiß ich, wie es sein kann, wenn man als Mutter den Job pausieren muss (!), was es zeitlich heißt, vier Kinder gleichzeitig großzuziehen und welche Belastungen die Pflege von demenzkranken Angehörigen mit sich bringt. In all diesen Situationen müssen ohnehin diverse bürokratische Unterlagen ausgefüllt werden. Da sollte es doch eigentlich machbar sein, ein weiteres Formular zu ergänzen, wo man als Paar klarstellen kann, ob und wenn ja in welchem Rahmen man die Ausfälle ausgleichen möchte.

Welchen Rat geben Sie etwa der besten Freundin, die keine Finanzexpertin ist, für ihre Altersvorsorge?

Nadolny: Fang an dich damit zu beschäftigen! Ich kann es nur nochmal betonen: Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns eines Tages mit unseren Finanzen auseinandersetzen. Finanzielle Bildung ist dabei für mich der sinnvollste Schutz, um nicht mehr Lehrgeld zu zahlen als einem lieb ist. Wir unterschätzen leider vor allem in jungen Jahren die Kraft des Zinseszinseffektes, in dessen Genuss wir aber auch nicht wirklich kommen werden, wenn wir uns aus Bequemlichkeit von Verkäufern überteuerte Finanzprodukte andrehen lassen.

Autorin

Karen

Schmidt

Karen Schmidt ist seit Gründung von Pfefferminzia im Jahr 2013 Chefredakteurin des Mediums.

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