Süsses und Saures

Wie die Lebensmittelindustrie unsere Urzeit-Instinkte ausnutzt

Kinder- und Jugendärzte fordern ein Werbeverbot für stark zuckerhaltige Produkte, sofern sich die Werbung direkt an Kinder richtet. Kurz nach Halloween und vor Beginn des Advents ist eine gute Zeit, sich mit diesem Thema einmal näher zu beschäftigen.
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Bunte Zuckerwatte: Kinder sind vielen süßen Verführungen ausgesetzt.

„Wir brauchen ein Werbeverbot für sogenannte Kinderlebensmittel, die es ja tatsächlich gar nicht gibt“, so Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. In der Facebook-Gruppe „Fit und Gesund“  gab es zu dem Thema jüngst auch eine kontroverse Diskussion. So forderten einige Gruppenmitglieder mehr Aufklärung statt Verbote. Andere schlossen sich den Forderungen der Ärzte an und ergänzten, dass es ein grundsätzliches Werbeverbot für Lebensmittel geben solle, bei denen die Studienlage eindeutig darauf hinweist, dass diese schädlich sind.

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Vor allem im Bezug zur Zielgruppe Kinder solle dies gelten. Stehen diesen doch eher begrenzte Steuerungs- und Regulierungsmöglichkeiten ihrer Bauch- und Lustgefühle zur Verfügung. So sei es für Erwachsene schon schwer genug, diesen Verlockungen zu widerstehen, argumentieren Kinder- und Jugendärzte. Beispielhaft sei hier auf die Werbung für Kinderschokolade verwiesen.

Entsteht die Zuckersucht in Kindheitstagen?

Oft ist auch zu lesen, man könne von allem essen, es müsse nur in Maßen sein. Es komme primär auf die Kalorienbilanz an. So lange man also nicht mehr Kalorien zu sich nehme als man verbrauche, sei das alles kein Problem. Es liege nicht am Zuckergehalt der Lebensmittel, so die Zuckerlobby, sondern daran, dass sich die Menschen zu wenig bewegten und so zu wenig Kalorien verbrennen würden. Warum das so nicht stimmt, haben wir bereits in einem älteren Beitrag als Märchen entlarvt.

Denke ich an meine frühe Kindheit zurück, waren Süßigkeiten, also der direkte Zucker, eher die Ausnahme. Aber bereits als kleines Kind wurde ich mit mehr oder weniger verstecktem Zucker reichlich versorgt. So bekam ich beispielsweise Ovomaltine zu trinken. Dieses Getränk wurde schließlich im Kontext mit aktiven, sportlichen Kindern beworben. Muss also gut und gesund sein. Noch 2006 lautete der markengeschützte Werbespruch „Gesunde Energie, die schmeckt“. Vielleicht entstand hier meine Zuckersucht, unter der ich viele Jahre zu leiden hatte und dabei gar nicht wusste, dass meine gesundheitlichen Probleme am Zucker liegen.

Wer über 40 ist, erinnert sich wohl auch noch an den folgenden Werbespruch:

Wenn Ihr Kind nichts auf der Welt so liebt wie Bonbons und Sie nichts so sehr auf der Welt lieben, wie Ihr Kind, dann geben Sie ihm nimm2“. Schon im Namen des Produktes steht die Aufforderung zu mehr Konsum.

Ein weiteres Beispiel aus den neunziger Jahren:

„Will hier jemand was Gutes aus Milch? Mit Vitaminen? Und viel Kalzium… Fruchtzwerge (geflüstert)? O.K…..“

Und auch heute noch werden Produkte ähnlich beworben:

„Einzigartiger Geschmack und hervorragende Qualität – dafür wird Kinder Schokolade seit Generationen geliebt. Eine leckere Kombination aus Vollmilchschokolade und cremiger Milchfüllung, die ein Genuss für die ganze Familie ist. Die kleinen Riegel sind einzeln verpackt für die perfekte Portionierbarkeit“.

Bevor wir nun einen Blick auf die Zutatenliste werfen, zunächst einmal zum letzten Satz: Wie viele Menschen essen denn nur einen  oder zwei Riegel davon? Wie relevant ist also die „perfekte Portionierbarkeit“? Als ich noch voll in meiner Zuckersucht steckte, ohne mir dessen so richtig bewusst zu sein, aß ich diese Schokolade auch gerne. Portionieren war aber irrelevant – die Packung habe ich komplett vernichtet. Und dann schaute ich, ob ich nicht noch eine zweite Packung im Schrank hatte.

Nun aber zu den Inhaltsstoffen der Kinder-Schokolade: Vollmilchschokolade 40% (Zucker, Vollmilchpulver, Kakaobutter, Kakaomasse, Emulgator Lecithine (Soja), Vanilin), Zucker, Magermilchpulver (18%), Palmöl, Butterreinfett, Emulgator Lecithine (Soja), Vanilin. Gesamtmilchbestandteile im Produkt 33%, Gesamtkakaobestandteile im Produkt 13%.

Nein, hier habe ich mich nicht verschrieben. Zucker wird tatsächlich mehrfach genannt. Nachzulesen ganz offiziell auf der Internetseite des Herstellers. Werfen wir nun noch einen Blick auf die Nährwerte (10 Riegel à 12,5g sind in einer Packung enthalten):

53 Prozent und damit mehr als die Hälfte sind Zucker. Bereits mit dreieinhalb Riegeln wäre die von der Weltgesundheitsorganisation maximal empfohlene täglicher Zufuhr von Zucker bereits erreicht. Dann darf man aber an diesem Tag praktisch nichts anderes mehr gegessen haben. Selbst wenn der Mythos der Kalorienbilanz stimmen würde, ein Riegel liefert bereits 71 Kalorien. Die gesamte Packung sogar 710 Kalorien. Moment, da stehen doch 566 Kalorien? Richtig, das ist die Angabe pro 100 Gramm. In der Packung sind aber zehn Riegel enthalten. Da bleibt also nicht mehr viel Puffer für die maximale Kalorienzufuhr eines Kindes, wenn die komplette Packung gegessen wird.

Sicher, es mag Kinder geben, die nur einen Riegel essen. Ich kenne aber viele, die es so machen wie ich früher: Packung auf und essen bis zum letzten Riegel. Wie praktisch, dass es da auch die Großpackung mit 300g und 24 Riegeln gibt. Mit den wenig verbleibenden Kalorien muss das Kind nun alle Nährstoffe aufnehmen, die es braucht, denn Zuckerkalorien sind nährstoffleere Kalorien. So können bereits in Kindertagen Mängel entstehen.

Ausnahmen werden zur Regel

Gehen wir jedoch einmal davon aus, wir hätten ein sehr diszipliniertes Kind bzw. Eltern, die sehr darauf achten, dass maximal ein Riegel am Tag gegessen wird. Also Eltern, die nach der Devise leben „alles in Maßen essen“ – und Süßigkeiten sind nur eine Ausnahme. Da bei Erstellung dieses Beitrages Halloween gerade erst ein paar Wochen zurückliegt, beginne ich das Jahr der Ausnahmen einmal mit diesem Tag:

  • Oktober: Halloween – Süßes oder Saures? (und damit ist natürlich kein gesundes, sauer eingelegtes Gemüse gemeint)
  • Dezember: Was enthält der durchschnittliche Adventskalender? 24 Tage Zucker pur.
  • 1. bis 4. Advent: Jeweils besondere Feiertage. Hier kommt die Familie oftmals zum Essen zusammen und da darf eine süße Nachspeise nicht fehlen. Dazu kommen noch Plätzchen, Lebkuchen und Co., die bereits seit Ende August in den Supermärkten stehen.
  • 6. Dezember: Nikolaus – bei mir gab es als Kind noch primär Nüsse und Mandarinen, heute eher den Schoko-Nikolaus.
  • 24.–26. Dezember: Weihnachten und 3 Tage leckeres Essen mit oftmals gezuckerten Soßen und Süßspeisen als Nachtisch. Ich liebte es als Kind, die Süßigkeiten vom Christbaum zu naschen.
    1. 31. Dezember: Silvester – natürlich auch hier wieder mit leckerem Essen, Süßspeisen und Süßigkeiten.
    2. Januar: Hier klafft eine Süßigkeiten-Lücke, wie im November – eine Marktnische?
    3. 14. Februar: Dem oder der Süßen schenkt man natürlich was Süßes.
    4. Februar: Hochzeit des Karnevals und des Faschings – Zeit, die ollen Kamellen unter das Volk zu werfen.
    5. März/April: Ostern – da dürfen die Schaum-Eier und Schoko-Osterhasen natürlich nicht fehlen.
    6. Mai: Frühlingsfeste: Zeit für Zuckerwatte, Magenbrot und türkischen Honig.
    7. Juni: Sommerfeste: Zeit für Zuckerwatte, Magenbrot und türkischen Honig.
    8. Juli/August: Sommer – Eiszeit! Tiramisu & Co im Urlaub.
    9. September: Herbstfeste: Zeit für Zuckerwatte, Magenbrot und türkischen Honig.

          Dazu kommen noch diverse Kindergeburtstage und Familienfeiern, bei denen es traditionell eben auch reichlich Süßigkeiten und Süßspeisen gibt. War früher der Zuckerkonsum tatsächlich eine Ausnahme und vor etwa 200 Jahren sogar nur besonders reichen Menschen vorbehalten, so ist heute aus der Ausnahme eher die Regel geworden. Wo also liegt die Grenze bei „alles in Maßen“ und wie schnell wird diese erreicht?

          Urzeitliche Programmierung auf Süßes

          „Die Vorliebe für Süßes ist uns buchstäblich in die Wiege gelegt. Für unsere Vorfahren war der süße Geschmack sogar überlebenswichtig. Denn süßer Geschmack zeigte an: Ist ungiftig, essbar und ist sogar nahrhaft.“ So steht es in der Broschüre Faktencheck Zucker der Zuckerlobby geschrieben. Robert Lustig, ein US-amerikanischer Kinderarzt, schreibt hierzu: „Wir werden also von Süße standardmäßig angezogen. Wie oft müssen Eltern ein neues Lebensmittel anbieten, bevor ein Baby es annimmt? Etwa 10 bis 13 Mal. Doch wenn diese neue Nahrung süß ist, wie viele Versuche sind dann erforderlich? Ein einziger.“.

          Genau diese urzeitlichen Programme werden in der industriellen Nahrungsmittelproduktion eingesetzt. Wer mehr über die Hintergründe dieser Programme erfahren möchte und wie bereits das Essverhalten der Mutter in der Schwangerschaft Einfluss auf den Fötus nehmen kann, dem seien die Seiten 9 ff. dieser Doktorarbeit empfohlen.

          Ziel der Lebensmittelindustrie ist es, den optimalen Salz-, Fett- und/oder Zuckergehalt zu finden, sodass für die meisten Verbraucher das Produkt optimal schmeckt. Für diesen Sättigungsgrad gibt es sogar eine eigene Bezeichnung – Bliss Point. Auf Deutsch: Glückspunkt. Die Lebensmittelbranche spricht diesbezüglich auch vom Präferenztest. Unser Gehirn reagiert bei solchen Lebensmitteln mit einer Belohnung in Form einer Endorphinausschüttung. Dadurch entsteht die Lust, dieses erneut zu essen. Bei Wiederholung hat das Einfluss auf die Dopaminausschüttung. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der auch als Glückshormon bezeichnet wird. Kokain wirkt ähnlich, indem es die Wiederaufnahme von Dopamin hemmt, wodurch der Dopaminspiegel längere Zeit im Gehirn höher gehalten wird. Bei längerem Konsum dieser Droge reagiert das Gehirn bereits vor der Einnahme mit einer erhöhten Ausschüttung von Dopamin in „freudiger Erwartung“. Das Gehirn wurde auf diese Droge konditioniert, wie die Speicheldrüsen der Pawlowschen Hunde auf das Läuten der Glocke.

          Bei Süßgetränken wird teilweise soviel Zucker hinzugegeben, um die urzeitliche Programmierung möglichst für mehr Konsum zu nutzen, dass es den meisten Menschen übel werden würde. Um das zu verhindern, wird beispielsweise Citronensäure hinzugefügt. Damit wird die Übelkeit vermieden und die maximale Zuckerdosis kann gesteigert werden. Schauen Sie einmal auf die Inhaltsstoffe von Limonaden und Energy-Drinks, was dort enthalten ist. Wetten, dass Sie fast überall Citronensäure finden? Süßes und Saures in Kombination ist also ein guter Trick.

          Zucker tut nicht weh und schmeckt gut

          Alkohol und Tabak schmeckt Kindern in der Regel nicht. Allein schon deshalb konsumieren Kinder dies nicht. Bei Alkohol hat man in den 2000er Jahren das Thema versucht zu „lösen“, indem man Zucker hinzugab. Heraus kamen die damals bei Jugendlichen sehr beliebten Alkopops. Durch Einführung einer Sondersteuer auf Alkopops 2004 betrugen die Steuereinnahmen daraus 9,62 Milliarden Euro. Ab 2006 sank diese Steuereinnahme jährlich, bis sie zuletzt 2017 „nur“ noch bei 2,02 Milliarden Euro lag.

          Trinken wir etwas, das giftig für uns ist, schmeckt es meist auch ekelhaft und wir spucken es gleich wieder aus, bevor es in unseren Körper kommt. Hat diese Schutzmaßnahme nicht funktioniert, versucht der Körper durch Erbrechen oder Durchfall, die Giftstoffe wieder los zu werden. Bei Zucker reagieren Kinder nicht negativ. Wie oben beschrieben sorgen unsere urzeitlichen Programme genau für die gegenteilige Reaktion. Immer mehr Studien kommen zum Ergebnis, dass uns übermäßiger Zuckerkonsum mittel- bis langfristig krank macht. Anders, als wenn wir uns vergiften, spüren wir es nur nicht sofort. Es dauert Jahre bis Jahrzehnte, bis die Schäden sich so weit kumuliert haben, dass Krankheiten entstehen.

          Aufklärung, Verhaltensänderung oder Verbote und Steuern?

          Wie können wir diese Themen lösen? Besonders wichtig ist die richtige Aufklärung. Diese muss bereits im Kindergarten beginnen. Aber natürlich auch im Bereich der Erwachsenenbildung ist das wichtig. Denn was im Kindergarten erzählt wird, sollte zu Hause gelebt werden. Bei Stoffen, die Suchtpotenzial haben, ist eine Verhaltensänderung rein durch Aufklärung jedoch nicht immer ganz einfach. Vor allem wenn es sich, wie oben beschrieben, um Stoffe handelt, die unsere urzeitlichen Programme ansprechen.

          Wenn wir diese Aspekte betrachten, ist die Forderung der Kinder- und Jugendärzte eines Werbeverbotes für entsprechende Lebensmittel aus meiner Sicht zumindest diskussionswürdig. Auf jeden Fall, wenn sie sich direkt an die Kleinsten unter uns richtet. Hierzu sei noch einmal Robert Lustig erwähnt: „Die Kontrolle des Umfelds ist wichtig. Nichts schränkt den Zuckerverzehr besser ein, als eine Limitierung der Verfügbarkeit. Und das bedeutet eine Zugangsbeschränkung. Insbesondere für Kinder.“

          Autor

          Joachim Haid ist Gründer des Gesundheitsprogramms PaleoMental®, zudem Gesundheitscoach und Heilpraktiker in Ausbildung.

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          2 Antworten

          1. Ich habe bei meinen beiden Kindern immer sehr darauf geachtet, dass nicht zu viel Zucker gegessen wird. Aber die Werbungen machen das natürlich nicht einfacher, gerade die Werbungen von Kinder sind ja wirklich an die Kids gerichtet und dementsprechend interessant für sie, ich durfte mir das dann auch immer anhören, dass sie das unbedingt haben wollen. Und da muss dazu gesagt werden, dass beide nie wirklich viel vor dem Fernseher saßen..

            1. Genau diese auf Kinder ausgerichtete Werbung finde ich sehr bedenklich. Das torpediert jegliche Erziehung der Eltern.

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