Wer in Deutschland krank wird, kann sich im Vergleich zu anderen Ländern glücklich schätzen. Egal ob gesetzlich oder privat versichert – die notwendigen ärztlichen und pflegerischen Leistungen werden vom Krankenversicherer übernommen. Selbst für Lohnersatzleistungen ist bei Angestellten automatisch gesorgt – der Lohnfortzahlung sei Dank.
Doch diese Aussage gilt nur, wenn es sich um eine zeitlich befristete Krankheit handelt.
Ein grippaler Infekt, ein Bänderriss – alles kein Problem. Bis zu sechs Wochen lang erhalten sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Deutschland Entgeltfortzahlung bei Arbeitsunfähigkeit. Erst bei einer noch längeren Krankschreibung ist der Arbeitgeber raus, und die Krankenversicherung muss in die Bütt.
Anstelle des Geldes vom Chef geht nun monatlich das Krankengeld ein. Doch bereits hier tut sich die erste Lücke auf. Denn Krankengeld ersetzt nur 70 Prozent des Bruttoverdienstes (allerdings maximal 90 Prozent des Netto-Einkommens). Bei einem schmalen Haushaltsbudget führt schon eine Krankheit von mehr als sechs Wochen zum ersten Rechnen am Küchentisch.
Wenn die Erkrankung noch weiter andauert und möglicherweise chronisch wird, entstehen gleich zwei Probleme.
Erstens: das schon genannte verringerte Einkommen. Einen Rückgang um 10 Prozent beim monatlichen Geldeingang können die meisten Betroffenen verkraften. Doch bei chronischen Erkrankungen sprechen wir in der Regel nicht von ein oder zwei Monaten Überbrückungsphase. Oft zieht sich solch eine Phase über mehr als ein Jahr hin. Die Sozialversicherung bietet da keine Hilfe.
Zweitens: Wie lange bekomme ich überhaupt Krankengeld? Wenn es sich um dieselbe Erkrankung handelt, schützt das Krankengeld finanziell bis zu 78 Wochen. Aber Vorsicht, die sechs Wochen Lohnfortzahlung zählen hier mit. Leider machen es die Krankenkassen den Betroffenen nicht immer leicht. In der Sozialberatung des Sozialverbands Deutschlands ist es an der Tagesordnung, dass Versicherte von beunruhigenden Anrufen ihrer Kasse berichten. Man solle doch den Job kündigen, arbeiten könne man doch sowieso nicht mehr. „Stellen Sie doch einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente, das wäre besser für Sie“, lautet dort die Empfehlung. Was zunächst wie gut gemeinte Ratschläge klingt, führt bei den Betroffenen schnell zu großen finanziellen Einbußen. Und bei der Krankenkasse zu einer enormen Einsparung.
Nach 78 Wochen geht es an die Existenz
Selbst wenn die Krankenkasse ohne Murren bis zum Ende zahlt – spätestens nach 78 Wochen ist Schluss. Betroffenen, die keine private Berufsunfähigkeitsversicherung haben, bleibt nun noch die Möglichkeit, Arbeitslosengeld zu beantragen. Je nach Alter kann hier ein Anspruch von bis zu zwei Jahren bestehen.
Doch beim Sozialverband erleben wir es regelmäßig, dass die in sozialrechtlichen Fragen meist unbedarften Betroffenen von der Agentur für Arbeit einfach weggeschickt werden. Wer nicht arbeiten kann, bekomme auch kein Arbeitslosengeld – so einfach ist das.
Wer jetzt nicht hart bleibt, landet mitunter beim Jobcenter. Hier wartet eine unangenehme Bedürftigkeitsprüfung auf die Antragsteller, inklusive deren Ehe- oder Lebenspartnern. Das kann bedeuten, dass eine Lebensversicherung aufgelöst werden muss – nur um zum nächsten Monat die Miete zahlen zu können.
Letzte Station: Erwerbsminderungsrente
Schon auf dem Weg hierher denken viele ernsthaft Kranke über die Frührente nach. Eine gesetzliche Berufsunfähigkeitsrente gibt es nicht mehr. Wer nicht mehr als Ingenieur, aber noch als Bürohilfe arbeiten kann, geht bei der Deutschen Rentenversicherung also leer aus. Und selbst wer die strenge Gesundheitsprüfung übersteht und die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllt, ist nicht zu beneiden: Bürgerinnen und Bürger, die 2017 erstmalig eine volle Erwerbsminderungsrente bezogen haben, bekamen durchschnittlich 716 Euro im Monat.
Wer in Deutschland ernsthaft krank wird, bekommt auch schnell ein finanzielles Problem.
Über den Autoren
Nach dem Studium der Geschichte arbeitete Christian Schultz zunächst als Versicherungsmakler für die A.S.I Wirtschaftsberatung. Es folgten Zwischenstationen beim Hörfunk und der Agentur für Arbeit. Seit dem Jahr 2011 ist er als Referent für Sozialpolitik beim SoVD in Schleswig-Holstein beschäftigt.