Bericht zeichnet düsteres Bild

Jeder zweite Versicherer verdient nicht mal die Kapitalkosten

Man könnte das taktvoll nennen, was Analysten von McKinsey in ihrem Bericht machen. Zuerst überbringen sie gute Nachrichten – um gleich darauf ein nicht allzu rosiges Bild der Versicherungsbranche zu zeichnen. Aber sie liefern auch Ideen, wie unprofitable Unternehmen wieder auf die Füße kommen können.
© picture alliance / dpa | Matthias Balk
Sonnenuntergang im Versicherungsviertel von Paris: Auch die Gewinne vieler Versicherer tauchten zuletzt ab.

Da dürften die Verantwortlichen zunächst erleichtert sein: Die globale Versicherungsbranche hat sich im vergangenen Jahr vom Corona-Einbruch wieder sichtlich erholt. Umgerechnet schrieb sie weltweit rund 360 Milliarden US-Dollar Gewinn nach Steuern. Das sind ungefähr 316 Milliarden Euro. Im Vorjahr hatte der Gewinn noch bei 332 Milliarden Dollar gelegen, 2019 jedoch bei 392 Milliarden Dollar.

Das steht im aktuellen „Global Insurance Report 2022“ der Unternehmensberatung McKinsey. Daraus geht auch hervor, dass die eingenommenen Prämien mitnichten eingebrochen sind. Sie stiegen von 2019 bis 2020 einfach nur etwas schwächer, nämlich um 1,2 Prozent auf 5.672 Milliarden Dollar. Ein Jahr später ging es um 5,6 Prozent auf 5.987 Milliarden Dollar hinauf. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Prämienwachstum seit 2016 liegt bei 4,0 Prozent im Jahr.

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Doch das täuscht nach Meinung der Autoren über die eigentlich trübe Lage der Branche hinweg. So trägt ein Kapitel die Überschrift: „Versicherung ist heute eine wertevernichtende Industrie, in der die Hälfte der Mitspieler nicht einmal ihre Eigenkapitalkosten verdient.“

Starker Tobak. Und um das zu belegen, besahen sich die Studienautoren rund 300 börsennotierte Versicherer weltweit. In den Jahren 2017 bis 2021 schafften es 54 Prozent von ihnen nicht, ihre Kapitalkosten wieder einzuspielen. Jeder vierte verfehlt sie sogar um mehr als 5 Prozentpunkte.

Das geht natürlich an den Aktienkursen nicht spurlos vorbei. So vermerken die McKinsey-Leute, dass rund die Hälfte der Versicherungsaktien in den vergangenen fünf Jahren unter ihrem Buchwert gehandelt wurde (ein Umstand, der übrigens auch uns nicht entgangen ist). Der Buchwert ergibt sich, wenn man das Eigenkapital eines Unternehmens durch die Zahl der Aktien teilt. Setzt man das mit dem Kurs ins Verhältnis, erhält man die allgemein gängige Kennzahl Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Ein KBV unter 1 bedeutet, dass man sich Eigenkapital sozusagen über die Börse mit Rabatt kaufen kann.

„Das ist ein ganz klares Misstrauensvotum gegenüber der Industrie und wirft Fragen darüber auf, welche langfristige Zukunft manche Teilnehmer als Einzelunternehmen noch haben“, heißt es dazu. Das betreffe vor allem Kompositversicherer, bei denen sogar 60 Prozent unter ihrem Buchwert gehandelt werden.

Fragt sich also, was nun zu tun ist. Dafür zitieren die Autoren Punkte aus einer drei Jahre alten Studie von KcKinsey. Alle nicht neu oder gar revolutionär, sondern eher Grundlagen für gutes Wirtschaften:

  • Kapital dynamisch zwischen den Geschäftszweigen umschichten
  • Einen beträchtlichen Teil des Kapitals in organisches Wachstum und Entwicklung reinvestieren
  • Thematische und programmatische Fusionen oder Akquisitionen vorantreiben (aber keine Mega-Deals)
  • Versicherungsmargen erhöhen
  • Umwälzende Fortschritte hinbekommen, um Spitzenproduktivität zu erreichen

Offenbar haben die Studienautoren selbst mitbekommen, wie allgemeingültig und beliebig diese Punkte klingen. Denn sie reichen zusätzlich neun Hebel nach, an denen Versicherer ziehen sollen, um sich in die Erfolgsspur zu bringen. Bemerkenswert ist davon vor allem Punkt 1:

  1. Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (ESG) zum Kernbestandteil des Geschäftsmodells machen
  2. Relevanz erhöhen, indem man neue Produkte entwickelt und neue Risiken abdeckt
  3. Engagement und Erfahrung von Kunden verbessern und persönlicher gestalten
  4. Andere Ökosysteme und Insurtechs mit einbinden
  5. Neue Geschäftsmodelle für das digitale Zeitalter
  6. Einfluss durch Daten und Analysen hochskalieren
  7. Kerntechnologie auf den neuesten Stand bringen
  8. Probleme mit der Produktivität angehen
  9. Unternehmenskultur, Diversität und Arbeitsweisen neu denken, um Talente anzuziehen und zu halten

Neun Punkte, die nach Meinung der Autoren Versicherer zurück in die profitable Spur bringen können. In ihrem Bericht arbeiten sie alles noch detailliert aus und vertiefen die einzelnen Gedanken. Sie können ihn hier (in englischer Sprache) herunterladen.

Autor

Andreas

Harms

Andreas Harms schreibt seit 2005 als Journalist über Themen aus der Finanzwelt. Seit Januar 2022 ist er Redakteur bei der Pfefferminzia Medien GmbH.

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Eine Antwort

  1. Wo sollen reale Gewinne herkommen, wenn man sich nicht für Innovationen interessiert.
    Auch wenn man mit TAMTAM immer alles als wunderbar darstellt, ist der Bürger nach allen
    Kosten und Inflation, auch mit BAV etc., eher in der Verlustzone. Pscht, nicht weitersagen,
    machen wir weiter wie bisher, nur niemand erschrecken. Den SCHWARZEN PETER zieht nur
    der Kunde. So fördert die Privatwirtschaft selbst staatliche Versorgung, Ein Wahnsinn,
    wenn man das Defizit bei den Beamtenpensionen von 3 BILLIONEN EURO zur Kenntnis nimmt.
    Schuldenfrei, wenn gigantische Defizite versteckt werden?
    Auch so eine Besonderheit deutscher Alleinstellung beim Verdrängungsweltmeister……

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