„Wir werden uns endgültig damit abfinden müssen, Niedrigzinsen auf Dauer zu haben“, ist Michael Pickel überzeugt. Der Chef der E+S Rückversicherung und Hannover-Rück-Vorstand sprach mit dem Versicherungsökonomen Fred Wagner über die Auswirkungen der Corona-Krise auf den Kapitalmarkt, die Versicherungswirtschaft und den Vertrieb.
Der Manager folgte Wagners Einladung zu dessen Internet-Talk-Sendung #fredwagner. Darin erklärte Pickel, dass „die ganzen Auswirkungen“, die ein negatives Zinsumfeld auf die Assekuranz hätten, zwar „noch nicht durchdekliniert“ seien.
Durch die Zementierung der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) infolge der Corona-Krise könne es aber passieren, dass das gesamte Geschäftsmodell der Versicherungsbranche „auf den Kopf gestellt“ würde. Man habe jetzt, anders als zu Zeiten der Finanzmarktkrise 2008, eine Krise, „die in jeden Sektor reingeht“, so Pickel.
Knackpunkt Kapitalanlage
Der E+S-Chef sieht vor allem die Kapitalanlage der Versicherer als kritischen Faktor. „Wie lange ist der Durchschnittszinssatz zu halten?“, gab er zu bedenken. Die durchschnittliche Zins-Duration in der Neuanlage betrage bei Rückversicherern etwa 5 bis 6 Jahre, was ziemlich kurz sei, führte der Interviewte aus. Wie es danach weitergeht? Das kann zwar kein Experte wissen, so auch Pickel nicht – gleichwohl erwartet der Manager, dass in der Erstversicherung bald die gleiche Diskussion geführt werde, wie nach der letzten Finanzkrise 2008. Damals wurde debattiert, ob es möglich sei, „den Garantiezins behördlich zu senken“, wie der E+S-Chef erläuterte.
Zinszusatzreserve an der Belastungsgrenze
Zudem äußerte sich Pickel zur Zukunft der Zinszusatzreserve (ZZR). Diese wurde vom Gesetzgeber erst kürzlich mithilfe der sogenannten Korridormethode so verändert, dass die Branche die milliardenschweren Zuführungen in den Reservetopf besser schultern können. Ob die Zinszusatzreserve denn so bleiben könne, damit die Lebensversicherer auch in Zukunft in der Lage seien, ihre Garantieverpflichtungen zu erfüllen, wollte Wagner von seinem Gesprächspartner erfahren. Pickel entgegnete, dass es künftig womöglich nur „mit einem staatlichen Einfluss, der Erleichterungen schafft“, gehen werde. „Das würde sonst alle Unternehmen ans Äußerste treiben“, fürchtet der Versicherungsexperte.
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Vertrieb drohen Einschnitte
Mit hohen Ausfallraten bei Unternehmensanleihen, in welche die Branche laut Wagner zuletzt massiv investiert hat, rechnet Pickel hingegen nicht. „Wir in der Assekuranz halten die Sachen ja bis zur Endfälligkeit.“ Zudem verwies er darauf, dass die Ausfallraten infolge der Finanzkrise von 2008 „extrem gering“ gewesen seien, weil die Unternehmen „eben doch zurückgezahlt haben, um nicht vom Kreditmarkt zu verschwinden“. Anleger, die Anleihen bis zur Endfälligkeit halten, dürften daher wohl keine größeren Einschnitte zu verzeichnen haben, so die vorsichtige Prognose des Gastes.
Auf Einschnitte müsste sich allerdings der Vertrieb im Privatkundengeschäft einstellen. Pickel vermutet, dass viele Privatkunden, die von ihnen als nicht notwendig erachteten Versicherungen einsparen könnten. „Insofern gehe ich davon aus, dass die Nachfrage schon etwas einbricht“, sagte er. „Es wird zu Abschlussdellen kommen.“
Wird es ein „Vermittlersterben“ geben?
Zugleich rechnet Pickel damit, dass der Anteil der elektronischen Abschlüsse zunehmen wird. „Man wird sehen wie Vertreter und Makler das zukünftig besetzen wollen. Es wird ein Thema sein, wie man den Versicherungsvertrieb in Zukunft umrüstet und umgestaltet“, sagte er.
Zur Frage, ob es ein „Vermittlersterben“ geben könnte, äußerte sich Pickel zurückhaltend, er wollte dies aber nicht explizit ausschließen.
Weiter betonte der Hannover-Rück-Vorstand im Hinblick auf den persönlichen Vertrieb, dass „alternative Kommunikationsmittel“ extrem wichtig seien, diese dem Kunden aber auch die Sicherheit geben müssten, „dass er das richtige Produkt bekommt“.
Den digitalen Vertrieb habe die Branche bisher vernachlässigt. Verbraucher hätten online „bisher im Prinzip nur Kraftfahrtzeug, allgemeine Haftpflicht und Hausrat abgeschlossen und ich denke wir werden das jetzt deutlich mehr auch in anderen Sparten sehen“.
Insurtechs nicht zwingend Krisengewinnler
Dass die Insurtechs von der Corona-Krise profitieren werden, hält Pickel nicht für ausgemacht. Hier werde sich jetzt zeigen, „wer solide kapitalisiert ist und ein Geschäftsmodell hat – und auch, wer nur dachte, er hat eins und ist schlechter kapitalisiert“. Zudem sei fraglich, ob Insurtechs auch weiterhin auf die Risikokapitalgeber bauen könnten, die bislang vor allem aus dem Private-Equity-Bereich kamen. „Denn die Wachstumsraten werden auch bei den neuen Versicherern nicht dramatisch gut sein“, so Pickel.
Und der Manager sagte in dem Interview auch einen denkwürdigen Satz zum eigenen Geschäftsmodell – jenes der Erst- und Rückversicherer: „Unser Geschäftsmodell ist, mit positiven Zinsen zu arbeiten, nicht mit negativen.“ Es bleibt abzuwarten, ob sich die Branche in Zukunft völlig neu erfinden muss.